Episode 10.4 - The Distraction Crisis

Ich rede heute mal wieder um den heißen KI-Brei. Weil ich, wie in den vorherigen Newsletters schon angefangen, den Kontext setzen möchte und vor allem die Problemstellung genauer definieren möchte. Denn man kann erst dann gute Lösungen entwickeln, wenn man vorher das Problem richtig identifiziert hat. Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn sehr oft festgestellt, dass meine Kunden die Symptome als Problem definiert haben und wir erst gemeinsam versuchen mussten, die Ursachen richtig zu diagnostizieren. Wo und wie wir KI-Tools sinnvoll anwenden können, hängt vom Problem ab, das wir lösen wollen.
Daher komme ich erstmal wieder auf die Ursache vieler Probleme unserer Zeit zurück, die als "Zettabyte-Ära" bezeichnet wird: too much information. Im Cliffhanger des Newsletters stellte ich die Frage "Was sind "präzise, gut aufbereitete und nutzbare Informationen"? Warum diese Frage extrem wichtig ist, hängt mit einem grassierenden Symptom dieses "Zettabyte-Problems" zusammen, nämlich
wie viel unserer Informationsaufnahme ist eigentlich Ablenkung?
Die moderne Informationslandschaft hat grundlegend verändert, wie Menschen Informationen konsumieren und verarbeiten. Aktuelle Erkenntnisse deuten darauf hin, dass ein erheblicher Teil unserer täglichen Informationsaufnahme Ablenkung statt sinnvoller Nutzung darstellt. Studien zeigen, dass fast 50 % unserer Zeit in abgelenktem Zustand verbracht werden, während die durchschnittliche Person täglich über 7 Stunden vor Bildschirmen verbringt – ein Großteil davon für nicht produktive Aktivitäten. In Arbeitsumgebungen vergeuden Beschäftigte täglich 30 bis 90 Minuten mit ablenkenden Informationsquellen wie Social Media und persönlicher Kommunikation, während 80 % der Arbeitnehmer keine Stunde ohne Unterbrechung arbeiten können. Bildungsinstitutionen offenbaren ähnliche Muster: Zwei Drittel der Schüler berichten von Ablenkung durch digitale Geräte, was direkt mit schlechteren akademischen Leistungen korreliert. Diese allgegenwärtige Ablenkungsepidemie spiegelt systemische Herausforderungen der Aufmerksamkeitsökonomie wider, in der Informationsüberflutung 80 % der globalen Arbeitnehmer betrifft und messbare Einbußen bei Produktivität, Konzentration und Entscheidungsfähigkeit verursacht.
Statistiken und Umfang digitaler Ablenkung
Das Ausmaß der Informationsablenkung wird deutlich, wenn man Bildschirmzeiten und Gerätenutzung verschiedener Bevölkerungsgruppen analysiert. US-Amerikaner verbringen durchschnittlich 7 Stunden und 4 Minuten täglich vor Bildschirmen, was über dem globalen Durchschnitt von 6 Stunden und 40 Minuten liegt. Dies markiert einen Anstieg von fast 50 Minuten seit 2013, ein Hinweis auf eine beschleunigte Digitalisierung. Die Generation Z zeigt besonders intensive Nutzungsmuster mit etwa 9 Stunden täglicher Bildschirmzeit, was auf höhere Ablenkungsrisiken bei jüngeren Demografien schließen lässt.
Die Zusammensetzung dieser Bildschirmzeit offenbart problematische Muster. Global entfallen 2 Stunden und 51 Minuten auf Computer und 3 Stunden und 46 Minuten auf mobile Geräte – wobei Letztere durch Fragmentierung und Unterbrechungen gekennzeichnet sind. Forschungen zeigen, dass 90 % der Menschen ihr Smartphone als größten Ablenkungsfaktor betrachten, während Teenager im Median 273 Benachrichtigungen täglich erhalten, davon fast ein Viertel während der Schulzeit.
Internationale Unterschiede unterstreichen kulturelle Einflüsse auf Ablenkungsmuster: Südafrikaner verbringen mit 10 Stunden und 46 Minuten die meiste Zeit vor Bildschirmen, während Japaner nur 3 Stunden täglich aufweisen. Diese Disparitäten deuten darauf hin, dass Ablenkungsniveaus nicht homogen sind, sondern von Technologiezugang, kulturellen Normen und Lebensstilen abhängen.
Der Trend zu steigendem digitalen Konsum setzt sich unvermindert fort – Bildschirmzeit macht bereits 40 % der Wachzeit global aus. Kinder zwischen 8 und 18 Jahren verbringen durchschnittlich 7,5 Stunden täglich vor Bildschirmen, was früh etablierte Ablenkungsmuster belegt. Diese Umstände erschweren zunehmend die Unterscheidung zwischen sinnvollem Informationskonsum und bloßer Ablenkung.
Ablenkung am Arbeitsplatz
Berufsumgebungen liefern klare Belege dafür, wie Informationskonsum produktive Tätigkeiten untergräbt. Wissensarbeiter verlieren täglich 30 bis 90 Minuten durch nicht arbeitsbezogene Aktivitäten, was jährlich 720 Arbeitsstunden pro Mitarbeiter entspricht. Kommunikationstechnologien, obwohl unverzichtbar, tragen erheblich zur Ablenkung bei: Mitarbeiter prüfen durchschnittlich 74 Mal täglich E-Mails und verwenden 2,6 Stunden allein für deren Verwaltung. Messaging-Apps verursachen 157 verlorene Jahresstunden, was sie zum größten Produktivitätskiller macht.
Die Fragmentierung von Aufmerksamkeit ist allgegenwärtig: 80 % der Angestellten können keine Stunde ungestört arbeiten, und 67 % checken Nachrichten über zehnmal täglich. Zudem benötigen Arbeitnehmer nach Unterbrechungen 25 Minuten, um wieder in den Arbeitsfluss zu finden, was jährlich 127 Erholungsstunden kostet. Die Nutzung zahlreicher Informationsquellen – 26 % der US-Arbeitnehmer verwenden täglich elf oder mehr Tools – verschärft die Überlastung zusätzlich.
Bildungssektor und Informationskonsum
Bildungseinrichtungen zeigen, wie Informationsmuster Lernen und Kognition beeinflussen. In US-Schulen werden zwei Drittel der Schüler im Mathematikunterricht durch digitale Geräte abgelenkt, während 54 % Ablenkung durch Mitschüler erfahren. Global berichten 65 % der OECD-Schüler von digitaler Ablenkung, was sich in 15 Punkte schlechteren Leistungen niederschlägt – ein Verlust von drei Vierteln eines Lernjahres.
Trotz 1:1-Computing-Umgebungen in vielen Schulen bleibt die Ablenkungsprävention schwierig. Handyverbote scheitern oft: 29 % der Schüler nutzen Smartphones mehrmals täglich trotz Verbots, und 61 % sind während des Lernens zu Hause abgelenkt. Diese Muster unterstreichen, dass Verhaltensänderungen ebenso notwendig sind wie politische Maßnahmen.
Informationsüberflutung und ihre Folgen
Informationsüberflutung betrifft 80 % der globalen Arbeitnehmer und führt bei 76 % der US-Beschäftigten zu Stress. Die Datenmenge wird bis 2025 auf 180 Zettabyte anwachsen, was die menschliche Verarbeitungskapazität übersteigt. Nachrichtenvermeidung ist ein coping-Mechanismus: 39 % meiden Nachrichten gelegentlich oder häufig, und das Gefühl der Überlastung ist seit 2019 um 11 Prozentpunkte gestiegen.
Das niedrige Signal-Rausch-Verhältnis kennzeichnet die Überflutung: Nützliche Informationen gehen in irrelevantem „Lärm“ unter, was zu „Informationsverschmutzung“ und schlechteren Entscheidungen führt. Dieser Zustand wird durch leichten Informationszugang, exponentielles Datenwachstum und unkontrollierte Verbreitung verstärkt.
Ein weiteres und größeres Problem, weil sozial und politisch sehr relevant, hatte ich auch bereits erwähnt: Viele Menschen sind von dieser Datenflut überfordert und flüchten sich in Blasen, wo sie versuchen ein Stückchen "Digital Wellbeing" zu finden, egal welche Qualität, Relevanz und Richtigkeit die Information haben, die sie in diesen Blasen auffinden*.
Die Ökonomie der Aufmerksamkeit
In der Aufmerksamkeitsökonomie wird menschliche Konzentration zur knappen Ressource, die Plattformen und Unternehmen umkämpfen. Obwohl digitale Plattformen Billionen zum BIP beitragen, bleiben die Kosten durch Produktivitätsverluste und kognitive Beeinträchtigungen unberechnet.
Soziale Beschleunigung zeigt sich in kürzeren Aufmerksamkeitsspannen: Die Verweildauer von Hashtags in den Twitter-Top-50 sank von 17,5 auf 11,9 Stunden (2013–2016). Plattformdesigns mit Algorithmen, Benachrichtigungen und Gamification maximieren die Nutzungsdauer, was langfristig individuelle und gesellschaftliche Kosten verursacht. Es geht den Social-Media-Plattformen darum, diese Verweildauer mit immer mehr Clickbaiting zu maximieren und nicht darum, Informationsqualität zu garantieren.
All diese Evidenzen belegen, dass ein Großteil des heutigen Informationskonsums eher Ablenkung darstellt. Mit 50 % abgelenkter Zeit und über 7 Stunden Bildschirmnutzung täglich steht die Gesellschaft vor der Herausforderung, Wertvolles von Belanglosem zu unterscheiden. Arbeitsplatzdaten zeigen 720–1.000 verlorene Jahresstunden, während Bildungseinrichtungen drei Viertel eines Lernjahrs durch Ablenkung verlieren.
Die Transformation des Informationskonsums spiegelt systemische Veränderungen wider: Die Aufmerksamkeitsökonomie die "Engagement" über Genauigkeit priorisiert, überlastet 80 % der Arbeitnehmer. Lösungen erfordern politische Maßnahmen, technologische Neuausrichtungen und kulturelle Wertschätzung nachhaltiger Aufmerksamkeit. Ohne ganzheitliche Ansätze wird der Anteil ablenkender Informationsaufnahme weiter steigen – mit Folgen für Produktivität, Lernen und menschliche Entwicklung.
Kann Technologie, insbesondere KI, uns dabei helfen, dieses Problem zu lösen?
Ja, aber nur, wenn wir an unserem "Digital Wellbeing" arbeiten und vor allem die Debatten über Bohrer und Loch nicht durcheinander bringen.
So, im nächsten Newsletter werde ich wieder mehr über den Bohrer, sprich über KI-Tools, reden. Stay tuned ... ;)
Live long and prosper 😉🖖
Postscriptum: die Quellen für die in diesem Newsletter genannten Daten findet ihr hier
*Muzicbezug 🎧