Der „gratis“ Geldhahn wird zugedreht: Warum Japan gerade US-Tech durchschüttelt
Jahrzehntelang gab es an den Finanzmärkten eine scheinbar unendliche Geldquelle: den Yen-Carry-Trade. Für lange Zeit war dies ein verborgene Motor im Hintergrund vieler globaler Finanzierungsstrategien – und ein stiller Turbo für den US-Tech & Cryptocoin-Sektor.
Doch dieser Hahn wird jetzt abgedreht.
Nach Jahren der Nullzinsen normalisiert Japan seine Geldpolitik. Was technisch klingt, hat reale Konsequenzen bis ins Silicon Valley. Warum die Zinswende in Tokio gerade jetzt Turbulenzen an den US-Finanzmärkten auslöst und was das für KI-Investments bedeutet, analysieren wir hier.
1. Der Yen-Carry-Trade: Ein Turbo für US-Tech
Um das aktuelle Beben zu verstehen, muss man den Mechanismus kennen:
Investoren leihen sich Geld in einer Währung mit extrem niedrigen Zinsen (Yen) und investieren es dort, wo die Renditen höher sind (z. B. US-Dollar-Raum).
- Das Zinsgefälle: Solange Japan Null- oder Negativzinsen hatte und die Zinsen in den USA stiegen, war das „Funding“ im Grunde geschenkt.
- Das Ziel: Dieses billige Geld floss massiv in risikobehaftete Anlagen: US-Tech-Aktien, Growth-Werte, Crypto-Spielereien und zuletzt auch in den KI-Sektor.
- Der Effekt: Viele US-Werte profitieren besonders von billigem Geld, da sie oft hohe Bewertungen und großen Finanzierungsbedarf haben. Der Carry-Trade fungierte als Hebel (Leverage), der die Kurse zusätzlich befeuerte.
2. Warum der Mechanismus jetzt bricht
Die Bank of Japan (BoJ) hat im letzten Jahr eine historische Wende vollzogen. Die Ära der Negativzinsen ist vorbei, der Leitzins liegt nun bei rund 0,75 % – dem höchsten Stand seit drei Jahrzehnten.
Gleichzeitig sinkt der Zinsabstand zu den USA, da dort die Zinsen eher seitwärts laufen oder perspektivisch fallen. Damit kippt die einfache Rechnung „Borrow cheap Yen, buy US Risk“. Die Finanzierungskosten steigen, und – noch wichtiger – das Risiko einer Yen-Aufwertung frisst die Rendite auf.
3. Kettenreaktion: Wenn der Margin Call kommt
Wie funktioniert das „Abdrehen“ in der Praxis?
- Teureres Geld: Wenn die BoJ die Zinsen erhöht, steigen die Refinanzierungskosten für alle, die sich in Yen verschuldet haben.
- Währungsverlust: Ein stärkerer Yen bedeutet, dass Investoren mehr Dollar aufbringen müssen, um ihre Yen-Schulden zurückzuzahlen. Das erzeugt Verluste auf laufende Kredite.
- Zwangsliquidation: Große Player (Hedgefonds, Makro-Fonds) müssen ihre Risiken reduzieren („De-Leveraging“). Um Schulden zu tilgen, werden liquide Assets verkauft – und das sind oft genau die großen US-Tech- und KI-Aktien.
4. Turbulenzen an der Nasdaq
Historisch betrachtet führen das Auflösen von diesen Yen-Carry-Trades oft zu abrupten Kursrückgängen. Genau das sehen wir aktuell 2025/26: Wenn der Yen steigt, fallen oft zeitgleich der Nasdaq-100 und große KI-Highflyer.
Der Markt schaltet vom Modus „Gier“ auf „Risikokontrolle“. Eine steiler werdende Zinskurve in Japan sorgt dafür, dass Tech-Korrekturen heftiger ausfallen, als es die reinen Unternehmensnachrichten rechtfertigen würden. Es ist ein Liquiditäts-Problem, nicht unbedingt ein reines Technologie-Problem.
5. Fazit: Vom Liquiditäts-Trade zum Cashflow-Trade
Was heißt das für die Zukunft von Tech-Investments?
Der Yen-Carry-Trade war ein finanzieller Beschleuniger, aber nicht das Fundament der KI-Revolution. Die physische Arbeit – der Bau von Rechenzentren, Chips und Netzen – geht weiter. Aber die Regeln an der Börse ändern sich:
- Niedrigere Bewertungen: Ohne den billigen Hebel aus Japan dürften die extrem hoch bewertete Assets unter Druck geraten.
- Cashflow ist King: Investoren schauen nun genauer hin. Spekulative Narrative reichen nicht mehr aus. Geschäftsmodelle, die bereits heute echte Cashflows liefern, werden gegenüber reinen „Zukunfts-Wetten“ bevorzugt.
Der Markt wird (ein bisschen) ehrlicher – aber der Weg dahin bleibt holprig.