Das "Innovator’s Dilemma" unserer Gesellschaft
Die gesellschaftliche Falle des a-posteriori-Denkens
Wer die folgende Grafik betrachtet, erkennt sofort das klassische Muster, das Clayton Christensen in seiner Theorie der „Disruptiven Innovation“ beschrieb. Er zeigte eindrucksvoll, warum selbst die damals erfolgreichsten Unternehmen der Welt - von Kodak bis Nokia - vom Markt verschwanden, obwohl sie scheinbar alles richtig machten.

Sie optimierten ihr „Leading Concept“ (die blaue Linie), hörten auf ihre besten Kunden und maximierten ihre Margen. Doch genau dieser Fokus machte sie blind für die rote Kurve, die anfangs unscheinbar in einer Nische startete, nur um dann exponentiell an ihnen vorbeizuziehen.
Um zu verstehen, warum wir nun auch als Gesellschaft zunehmend von Technologie überrollt werden, sollten wir uns auf auf Immanuel Kant zurück besinnen. Er unterschied zwischen Erkenntnis a posteriori (Wissen aus Erfahrung) und a priori (Wissen durch Vernunft, vor der Erfahrung).
Unsere Gesellschaft, unsere Politik und unsere Ethik-Räte operieren fast ausschließlich a posteriori. Wir warten, bis Probleme sichtbar sind. Wir regulieren Social Media erst, nachdem die Polarisierung bereits Demokratien destabilisiert hat. Wir kümmern uns um den Datenschutz, nachdem die Daten längst missbraucht wurden. Wir fahren in die Zukunft mit dem Blick fest in den Rückspiegel gerichtet.
Solange Innovationen linear verliefen (die blaue Kurve), funktionierte dieses reaktive Prinzip halbwegs. Doch bei disruptiven Technologien (die rote Kurve) ist der a posteriori Ansatz fatal. Wenn wir erst aus Erfahrung lernen wollen, was KI mit unserem Wahrheitsbegriff oder dem menschlichen Selbstwert macht, ist der soziale Schaden bereits angerichtet. Wir müssen lernen, diese gesellschaftlichen Folgen a priori zu begreifen – allein durch logische Ableitung der technologischen Möglichkeiten – bevor sie zu einer Realität werden, die wir nicht mehr beherrschen können.
Phase 1 & 2: Von der Business-IT zur sozialen Disruption
Ein Rückblick verdeutlicht diese Eskalation:
Im Zeitalter der Business-IT war der soziale Impact noch begrenzt. Ob ein Unternehmen seine Datenbanken optimierte, hatte kaum Einfluss auf das Abendessen einer Familie oder das Wahlverhalten eines Bürgers. Die Disruption blieb innerhalb der Firmenmauern.
Das änderte sich schlagartig mit dem iPhone und der Social-IT (siehe dazu auch The Great IT Divide). Plötzlich wanderte die Technologie in unsere Hosentaschen. Wir haben a posteriori gelernt, was das bedeutet: Aufmerksamkeitsökonomie, Filterblasen, mentale Gesundheitsprobleme bei Jugendlichen. Wir haben diese Werkzeuge erst in die Welt entlassen und dann Jahre später schockiert festgestellt, wie sie unser Sozialverhalten verändert haben.
Wir wollten nicht denen zuhören, die das a priori erkannt haben und müssen dies nun a posteriori versuchen, halbwegs zu korrigieren.
Phase 3: Die „Genius Nation“ – Disruption jenseits der Vorstellungskraft
Nun stehen wir am Fuß einer vertikalen Wand. Was Dario Amodei, CEO von Anthropic, kürzlich skizzierte, lässt sich in unserer Grafik kaum noch abbilden. Wir bewegen uns auf eine Realität zu, die er als „Genius Nation inside a Data Center“ bezeichnet.
Stellen Sie sich vor, wir integrieren nicht einfach eine neue Software, sondern eine „Nation“ von 50 Millionen digitale Arbeiter in unsere Server, von denen jeder einzelne intelligenter ist als ein Nobelpreisträger, 24/7 arbeitet und 100-mal schneller denkt als ein Mensch. Das ist keine „IT“ mehr. Das ist eine neue Spezies.
Diese Phase der KI-Disruption bringt drei massive soziale Erschütterungen mit sich, die wir a posteriori nicht bewältigen werden können:
- Das „Time Compression“ Problem:
Frühere technologische Revolutionen (Dampfmaschine, Internet) gaben der Gesellschaft Generationen Zeit, sich anzupassen. Der Bauer wurde Fabrikarbeiter, dessen Sohn Softwareentwickler. KI komprimiert diesen Prozess von Jahrzehnten auf Monate. Wenn Einstiegsjobs in Jura, Medizin und Programmierung gleichzeitig und schlagartig obsolet werden, bricht der soziale Aufstiegsmechanismus weg, bevor wir überhaupt bemerken, dass er fehlt. - Die ökonomische Entkoppelung (Das Trillionärs-Dilemma):
Amodei prognostiziert ein mögliches GDP-Wachstum von 10–20 % pro Jahr. A posteriori klingt das fantastisch. Doch a priori müssen wir fragen: Wo landet dieser Reichtum? Wenn KI die Arbeit erledigt, akkumuliert sich Kapital in einem Ausmaß, das die „Gilded Age“-Tycoons wie Waisenknaben aussehen lässt. Wir steuern auf eine Welt zu, in der einzelne Tech-Konzerne mächtiger sind als G7-Staaten. Demokratische Kontrolle wird zur Illusion, wenn wirtschaftliche Macht sich derart extrem konzentriert. - Die existenzielle Leere:
Das vielleicht größte Risiko ist nicht der Hunger, sondern die Sinnlosigkeit. Wenn eine KI nicht nur schneller codet, sondern auch der einfühlsamere Therapeut, der aufmerksamere Partner und der weisere Ratgeber ist – was bleibt dann für den Menschen? Wir laufen Gefahr, zu gut versorgten „Haustieren“ unserer eigenen Schöpfung zu werden (Weiss jemand vorher ich das Banner-Bild geklaut habe? 😉 ).
Fazit: Das gesellschaftliche „Innovator’s Dilemma“
Schließen wir den Kreis zu Clayton Christensen. Seine Lehre war brutal ehrlich: Unternehmen sterben nicht, weil sie dumm sind, sondern weil sie zu spät erkennen, dass sich die Erfolgsgrundlagen verändern. Sie perfektionieren das Bestehende (die blaue Linie), während die Relevanz sich längst auf die rote Kurve verlagert hat.
Heute stehen wir vor einer Situation, in der Christensens Logik nicht mehr nur für Konzerne gilt, sondern für unsere sozialen Strukturen.
Unsere Bildungssysteme, unsere Sozialversicherungen und unser Verständnis von „Arbeit“ sind das Äquivalent zu Kodak oder Blockbuster. Sie sind auf eine Welt optimiert, die linear verläuft. Wenn wir diese Systeme weiter nur inkrementell verbessern (a posteriori), während die KI-Realität disruptiv wächst, werden diese Strukturen nicht einfach nur „unter Druck geraten“ - Sie werden obsolet.
Wenn Dario Amodeis „Genius Nation“ Realität wird, haben wir keine Zeit für eine Anpassungsphase über Generationen. Die Gefahr ist real, dass unsere Gesellschaft das Schicksal der einstigen Marktführer teilt: Wir könnten in die Bedeutungslosigkeit rutschen, weil wir an alten Erfolgsmustern festhielten, als die Regeln der Realität längst neu geschrieben wurden.
Wir brauchen jetzt Führungskräfte und Politiker, die den Mut haben, A-Priori-Entscheidungen zu treffen.
Wir müssen Schutzmechanismen für die menschliche Würde und neue Konzepte der Wertschöpfung installieren, bevor die Daten die Notwendigkeit beweisen. Wer darauf wartet, dass der Markt das regelt, begeht den klassischen Fehler des Innovator’s Dilemma. Nur dass diesmal nicht ein Aktienkurs auf dem Spiel steht, sondern der gesellschaftliche Zusammenhalt selbst.
Wenn wir zu träge sind, könnten wir zum Kodak der Zivilisationsgeschichte werden ...
Live long and prosper 😉🖖