Das 2026 Bubble-Update
Was schief gehen kann, wird schief gehen. Fast immer.
Vom Zischen zum Knacken: Ein Update zur KI-Blase
Im Dezember 2025 habe ich geschrieben, dass die KI-Blase eher langsam zischen als laut knallen wird. Meine Argumentation damals: Die Kanarienvögel in der KI-Kohlemine singen so laut, dass niemand blind in den Abgrund lĂ€uft, und die physischen Grenzen von Strom, KĂŒhlung und Genehmigungen wirken als natĂŒrliche Bremse fĂŒr den Kapitalzufluss.
Beim letzten "AI@Southcross - Episode II" am 13. Juli habe ich das Thema als "Trillion Dollar Bet" nochmal kurz aufgegriffen, und diese meiner Meinung nach sehr ungesunde Finanzsituation als bedenklich charakterisiert und dass man sie in einer KI-Strategie berĂŒcksichtigen muss.
Nun sitze ich vor aktuellen Analysen und muss ehrlich sein: Ein Teil meiner letzten These braucht ein Update. Nicht, weil die Kanarienvögel verstummt wÀren. Sondern weil ich unterschÀtzt habe, wie kreativ man KÀfige bauen kann, in denen niemand die Vögel hört.
Die Analyse: Alle sehen die Blase, niemand sieht die Schulden
Hier ist der Elefant im Raum, und er ist inzwischen 1,65 Billionen US-Dollar schwer: Berichten von Nikkei Asia zufolge ĂŒbersteigen die âversteckten" Verbindlichkeiten der groĂen US-Tech-Konzerne â verpackt in LeasingvertrĂ€ge, Zweckgesellschaften und FuĂnoten von SEC-Filings â mittlerweile die offiziell bilanzierten Schulden von rund 1,35 Billionen.
Meta soll etwa 420 Milliarden auĂerhalb der eigentlichen Bilanz geparkt haben, fast das Dreifache des offiziellen Ausweises. Oracles Leasingverpflichtungen fĂŒr Rechenzentren sind in vier Jahren um das DreiĂigfache gewachsen. Das Hyperion-Rechenzentrum in Louisiana? Meta ist der alleinige Nutzer, hĂ€lt aber nur 20 % der Anteile â 27 Milliarden Investitionen verschwinden so elegant aus dem Ergebnisbericht.
Das ist alles legal. Das ist alles in den FuĂnoten nachlesbar. Und genau das ist das Problem: man sieht die BĂ€ume vor lauter Wald nicht.
Das Paradoxon: Das Bilanz-Feng-Shui
Nennen wir mal dieses PhĂ€nomen Bilanz-Feng-Shui: Die Schulden verschwinden nicht, sie werden nur so lange hin und her geschoben, bis der Raum harmonisch aussieht. Die Energie der Verbindlichkeit flieĂt weiter â nur eben durch Blue Owl Capital, Fluidstack, Cipher Mining und wie sie alle heiĂen, statt durch die eigene Bilanz.
Und hier liegt das eigentliche Paradoxon dieses Zyklus:
Wir erleben die transparenteste Blase der Geschichte â finanziert durch die intransparentesten Strukturen seit 2008.
Meine Dezember-These hielt die laute Skepsis fĂŒr einen Schutzmechanismus. Aber Skepsis wirkt nur dort, wo sie hinschauen kann. Die öffentliche Debatte tobt ĂŒber Bewertungen von OpenAI und NVIDIA-Kurse â also ĂŒber den sichtbaren Teil des Systems. Der Kredithebel wurde derweil dorthin verlagert, wo keine Quartalskonferenz stattfindet: in Private Credit, Infrastrukturfonds und SPVs.
2008 hat uns gelehrt: Nicht die Blase selbst ist systemisch gefĂ€hrlich. GefĂ€hrlich ist, wenn niemand mehr weiĂ, wer eigentlich wem was schuldet.
Der Mechanismus: Deterministische Schulden, probabilistische Erlöse
Der Kern des Konstrukts ist ein zeitlicher Mismatch, den man kennen sollte:
Ein Leasingvertrag fĂŒr ein Rechenzentrum ist deterministisch. Die Rate ist fĂ€llig, jeden Monat, ĂŒber 15 bis 20 Jahre, egal ob die GPUs darin glĂŒhen oder verstauben.
Die Erlöse, die diese Raten bedienen sollen, sind dagegen probabilistisch â und zwar in einer bemerkenswerten Kaskade: Die SPVs verlassen sich auf die Hyperscaler. Die Hyperscaler verlassen sich auf die Nachfrage von im Wesentlichen zwei GroĂkunden, OpenAI und Anthropic. Und diese beiden verlassen sich auf kontinuierliche RisikokapitalzuflĂŒsse, weil sie selbst unprofitabel sind.
Dazu kommt die zirkulĂ€re Finanzierung: NVIDIA investiert in Neocloud-Anbieter und garantiert die Abnahme ungenutzter KapazitĂ€ten. Diese Garantien dienen als Sicherheit fĂŒr Milliardenkredite â mit denen NVIDIA-Chips gekauft werden. Wer bei âUmsatz, der aus dem eigenen Investment zurĂŒckflieĂt" ein leichtes DĂ©jĂ -vu verspĂŒrt, hat The Big Short aufmerksam geschaut.
Die Daten deuten zudem darauf hin, dass die Rechnung nicht aufgeht: Geplant sind KapazitĂ€ten von rund 190 GW â SchĂ€tzungen sprechen vom 15-Fachen der aktuellen Nachfrage. Goldman Sachs findet auf gesamtwirtschaftlicher Ebene bislang keinen signifikanten Zusammenhang zwischen KI-EinfĂŒhrung und ProduktivitĂ€tswachstum. Die BrĂŒcke zur KI-Revolution wird also weiter verlĂ€ngert, ohne dass man das andere Ufer sieht, geschweige den weiĂ wo es ist.
Der Real-World-Test: Wer hÀlt eigentlich das Risiko?
Machen wir es konkret. Eine Lehrerin in Kalifornien zahlt in ihre Pensionskasse CalSTRS ein. CalSTRS hĂ€lt Beteiligungen an Blue Owl und CoreWeave. Blue Owl finanziert Metas Rechenzentrum. CoreWeaves KreditwĂŒrdigkeit hĂ€ngt an NVIDIA-Garantien und OpenAI-VertrĂ€gen. OpenAIs ZahlungsfĂ€higkeit hĂ€ngt an der nĂ€chsten Finanzierungsrunde.
Die Lehrerin hat nie eine NVIDIA-Aktie gekauft. Sie trĂ€gt trotzdem das Risiko â vier Zwischenschritte von der Quelle entfernt, ohne es zu wissen. Genau diese Konstellation meint die Bank fĂŒr Internationalen Zahlungsausgleich (die ĂŒbrigens schon 2003 vor 2008 warnte), wenn sie vor âwachsenden finanziellen Schwachstellen" und mehrfach verpfĂ€ndeten Sicherheiten warnt. (BTW: Elon Musk ist mit SpaceX auch auf den Pensionskassenzug aufgesprungen, um Kasse zu machen)
Und der entscheidende Unterschied zu 2008: Damals lag die öffentlich gehaltene US-Staatsverschuldung bei 35 % des BIP, heute bei rund 100 %. Der Feuerlöscher, der 2008 das Schlimmste verhinderte, ist diesmal ziemlich leer.
Zischen oder knallen? Vier mögliche Szenarien
Meine Dezember-Prognose eines âSlow Hiss" ist (noch) nicht falsch geworden â sie ist immer noch eines von mehreren plausiblen Szenarien. Hier ein paar aktuelle EinschĂ€tzungen:
Szenario 1: Das kontrollierte Zischen (weiterhin möglich, aber fragiler).
Die physischen Bremsen wirken, das Kapital flieĂt gestaffelt, schwache Player sterben leise, die GroĂen digestieren ihre ĂberkapazitĂ€ten ĂŒber Jahre. Funktioniert, solange kein einzelnes Kreditereignis die SPV-Kaskade auslöst. Der Haken: Ein Zischen setzt voraus, dass die Luft gleichmĂ€Ăig entweicht â Off-Balance-Strukturen entladen sich aber erfahrungsgemÀà nicht gleichmĂ€Ăig, sondern schlagartig.
Szenario 2: Das Kreditereignis.
Ein kleiner WindstoĂ kann das komplette Kartenhaus zum Wackeln bringen: Eine ausbleibende Finanzierungsrunde bei einem der beiden GroĂabnehmer, ein Zahlungsausfall bei einem Neocloud-Anbieter, ein SPV, das seine Raten nicht bedienen kann. Die steigenden Preise fĂŒr Credit Default Swaps deuten darauf hin, dass institutionelle Akteure dieses Szenario bereits höher gewichten als der Aktienmarkt. Wenn Private Credit betroffen ist, sind Pensionskassen und Versicherungen die nĂ€chste Station â dann sind wir nicht mehr bei âTech-Korrektur", sondern bei âFinanzkrise".
Szenario 3: Too strategic to fail.
Die Regierungen erklĂ€ren KI-Infrastruktur zur nationalen Sicherheitsfrage und stĂŒtzen den Sektor â trotz leerer Kassen, notfalls ĂŒber die Notenpresse. Das wĂŒrde den Crash abwenden und ihn in Inflation und Staatsverschuldung umbuchen. Die Verluste wĂŒrden sozialisiert, die Gewinne blieben privatisiert. Kommt Ihnen bekannt vor? Eben.
Szenario 4: Der spÀte Payoff.
Die ProduktivitĂ€tsgewinne kommen doch â nur spĂ€ter und ungleicher verteilt als versprochen. Historisch nicht abwegig: Auch das Internet hat seine Dot-com-Versprechen letztlich eingelöst, nur eben zehn Jahre und einen Crash spĂ€ter. In diesem Szenario ĂŒberlebt die Infrastruktur ihre ersten EigentĂŒmer. Wer 2003 Glasfaser aus Konkursmassen gekauft hat, hat gut verdient. Wer sie 1999 verlegt hat, nicht.
Was bedeutet das fĂŒr uns?
FĂŒr FĂŒhrungskrĂ€fte und Technologieverantwortliche ergeben sich daraus ein paar unbequem konkrete Hausaufgaben:
Counterparty-Risiko ernst nehmen. Wer heute langfristige VertrĂ€ge mit KI-Anbietern schlieĂt, sollte deren Finanzierungsstruktur mindestens so genau prĂŒfen wie deren Benchmarks. Ein Modell, das brillant halluziniert, ist Ă€rgerlich. Ein Anbieter, der mitten im Projekt insolvent wird, ist richtig teuer.
Exit-FĂ€higkeit einbauen. Multi-Provider-Strategien und portable Architekturen kosten heute Effizienz â und kaufen morgen HandlungsfĂ€higkeit. Der erste realistische Schritt: ein ehrliches Assessment, wie lange die eigene Organisation ohne ihren primĂ€ren KI-Anbieter arbeitsfĂ€hig bliebe.
Den eigenen Business Case vom Hype entkoppeln. Ob die Blase platzt oder zischt, Ă€ndert nichts an der Frage, ob Ihr konkreter KI-Use-Case Wert schafft. Wer den nachweisen kann, ĂŒberlebt jede Marktphase. Wer nur âstrategische FOMO" investiert, finanziert die ĂberkapazitĂ€t mit.
Und Europa? Nur Zuschauer mit Vollkasko-Illusion?
Man könnte in Berlin, Paris oder BrĂŒssel versucht sein, sich zurĂŒckzulehnen: Die Blase ist schlieĂlich eine amerikanische. Die maskierten Schulden liegen in US-Bilanzen, die SPVs in Delaware, die Rechenzentren in Louisiana. Das wĂ€re allerdings dieselbe Denkweise, mit der man 2007 glaubte, amerikanische Hypotheken seien ein amerikanisches Problem â bis die IKB und die Landesbanken plötzlich erklĂ€ren mussten, warum sie voll mit Subprime-Papieren waren.
Ein Burst wĂŒrde Europa ĂŒber mindestens drei KanĂ€le treffen:
Der Finanzkanal. EuropĂ€ische Versicherer, Pensionsfonds und Asset-Manager sind ĂŒber Private Credit und Infrastrukturfonds lĂ€ngst investiert â oft in denselben Strukturen, vor denen die BIZ warnt. Wie tief, weiĂ niemand genau. Das ist keine Beruhigung, das ist das Problem.
Der Realwirtschaftskanal. Europas Industrie hĂ€ngt am US-Tech-Stack. Wenn Anbieter konsolidieren, Preise explodieren oder Dienste eingestellt werden, trifft das jede europĂ€ische Organisation, die ihre KI-Strategie auf zwei, drei amerikanische Anbieter gebaut hat. Eine mögliche Konsequenz wĂ€re eine unfreiwillige Digitalisierungsbremse â mitten im Transformationsprozess.
Der Konjunkturkanal. Eine US-Rezession nach einem KI-Crash trifft eine exportabhĂ€ngige europĂ€ische Wirtschaft, die konjunkturell ohnehin auf dĂŒnnem Eis unterwegs ist.
Und genau deshalb wĂ€re es von politischer Seite fahrlĂ€ssig, sich nicht auf dieses Szenario vorzubereiten. Nicht, weil der Crash sicher kommt â das weiĂ niemand. Sondern weil Vorbereitung billig ist und Ăberraschung teuer: Stresstests fĂŒr die Exposition europĂ€ischer Institutionen gegenĂŒber KI-Private-Credit. Ein ehrlicher Blick darauf, welche kritischen Infrastrukturen und Verwaltungsprozesse inzwischen an US-KI-Anbietern hĂ€ngen. Und ja, auch die unbequeme Frage, ob europĂ€ische SouverĂ€nitĂ€t bei RechenkapazitĂ€t ein Nice-to-have ist oder eine Versicherungspolice. Wer erst nach dem Knall anfĂ€ngt, ĂŒber Resilienz nachzudenken, kauft die Feuerversicherung, wĂ€hrend das Dach schon brennt.
Die unbequeme Verdichtung
Noch ist offen, welches Szenario eintritt. Aber eines ist inzwischen klar geworden, und damit korrigiere ich mich selbst: Die laute Skepsis, die ich im Dezember als Sicherheitsnetz gewertet habe, schĂŒtzt nur vor Risiken, die man sehen kann. Das Bilanz-Feng-Shui hat die relevanten Risiken genau dorthin verschoben, wo die Kanarienvögel nicht singen.
Und in solchen Systemen gilt meistens immer Murphys Gesetz: Alles, was schiefgehen kann, wird schiefgehen â nur eben nicht dort, wo alle hinschauen, sondern in der FuĂnote auf Seite 247 des SEC-Filings, das niemand gelesen hat. Murphy ist kein Pessimist, er ist ein Statistiker mit genug Geduld (haha). Bei 1,65 Billionen versteckter Verbindlichkeiten, verteilt auf hunderte intransparente Strukturen, ist die Frage nicht, ob irgendwo ein Glied der Kette reiĂt. Sondern nur, welches zuerst â und wer dann in der Kaskade dahinter steht.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr, ob die KI-Blase implodiert oder psssscht macht. Sondern:
Wenn die Gewinne dieses Booms bei den obersten zehn Prozent der Aktienbesitzer liegen, die Risiken in den Pensionskassen der Allgemeinheit â und Europa vier Zwischenschritte entfernt trotzdem mit am Tisch sitzt: Wer bereitet sich eigentlich vor, solange Vorbereitung noch billig ist?
Solange die Antwort âniemand" lautet, hat Murphy leichtes Spiel.
Live long and prosper đđ
Soundtrack đ