2026 - das Tipping Point des Social Innovator's Dilemma
Dies ist der dritte und abschließende Teil meiner Ansichten zur sozio-ökonomischen Disruption unserer Zeit. Im ersten Teil haben wir das „Social Innovator’s Dilemma“ untersucht - unsere kollektive Lähmung, funktionierende Systeme zu reformieren. Im zweiten Teil, „Schwarzenegger vs. Keynes“, analysierten wir, warum traditionelle ökonomische Reparaturversuche gegen die technologische Realität verlieren.
Wir schreiben das Jahr 2026. Wenn wir heute auf den Zustand unserer Welt blicken, spüren wir eine gewisse Unruhe, die tiefer geht als die üblichen konjunkturellen Schwankungen. Unsere Gesellschaften stehen unter einem enormen Druck - einem allgegenwärtigen Optimierungszwang. Was einst als kühles Kalkül in den Vorstandsetagen begann, hat längst die Grenzen der Unternehmen gesprengt und die DNA unserer Nationalstaaten und unseres sozialen Miteinanders erfasst.
Um zu verstehen, wie wir an diesen kritischen Punkt - diesen Tipping Point - gelangt sind, lohnt sich ein Blick zurück auf die Mechanik der Wertschöpfung.
Phase 1: Die geografische Symbiose
Es gab eine Zeit, in der der Optimierungszwang auf Unternehmen begrenzt war und dem Gemeinwohl diente. Wenn Unternehmen gut verdienten, ging es den Ländern und ihren Bevölkerungen gut. Der Grund lag in der Struktur der Wertschöpfung: Arbeit und Kapital waren geografisch aneinander gekettet.
Ein Fernseher wurde dort gebaut, wo er verkauft wurde. Löhne wurden vor Ort gezahlt, Gewinne vor Ort versteuert. Es war ein geschlossener Kreislauf:
- Wertschöpfung: Durch menschliche Arbeit und Maschinen vor Ort.
- Verteilung: Über Löhne und Steuern im selben geografischen Raum.
Alles bestens, Wohlstand für alle und fette Zigarren für Ludwig Erhard 😉
Phase 2: Die erste Entkopplung (Blue Collar)
Doch das Grundgesetz eines jeden Unternehmens lautet seit jeher: Mehr Umsatz, weniger Kosten.
Durch Fortschritte in der Logistik begann die geografische Bindung zu erodieren. Es wurde billiger, den Fernseher im Ausland zu produzieren. Ein großer Teil der Wertschöpfung, die der klassische "Blue Collar"-Arbeiter erbrachte, verlagerte sich.
Anfänglich schien das ein vernachlässigbarer Kollateralschaden zu sein. Die Umsätze und Gewinne stiegen so, dass Unternehmen die Preise senken und damit gigantische neue Märkte erschließen konnten. Zwar verschwanden die Produktionsarbeitsplätze im Westen, aber der explodierende Markt erforderte eine Armee von "White Collar"-Arbeitern und "Knowledge Workers", um verwaltet zu werden. Die Gewinne blieben - zumindest buchhalterisch - im Heimatland des Konzerns.
Wir litten allerdings da schon unter dem im ersten Beitrag beschriebenen Social Innovator's Dilemma: Das System funktionierte noch gut genug ("Profite steigen"), um den fundamentalen Riss im Fundament ("Produktionswertschöpfung ist weg") zu ignorieren.
Phase 3: Das Prinzip des kleinsten Zwanges
Dann kamen die Fortschritte in der IT. Mit der weltweiten Vernetzung wurde es trivial, Informationen und Zahlen - also auch Geld - per Knopfdruck überall hin zu senden.
Hier hilft eine Analogie aus der physikalischen Chemie: Das Prinzip von Le Chatelier (Prinzip des kleinsten Zwanges) besagt, dass ein System, auf das Zwang ausgeübt wird, so reagiert, dass es diesem Zwang ausweicht. Das Kapital verhielt sich genau so. Es fing an, sich bequemere Plätze zu suchen, dorthin zu fließen, wo es am wenigsten versteuert und reguliert wurde.
Das Ergebnis spüren wir heute im Jahr 2026 deutlich: Die klassischen Umverteilungsmechanismen aus Phase 1 und 2 der Staaten greifen nicht mehr. Die Steuererträge stagnieren, weil das Kapital flüchtig geworden ist, während die Länder nun selbst unter extremen Optimierungszwang geraten.
Die Staaten stehen vor einer Zerreißprobe:
- Die Einnahmen bröckeln weg, weil Gewinne und Löhne vom Standort entkoppelt wurden, nur noch der Konsum findet lokal statt.
- Die Kosten explodieren: Erhaltung des Sozialstaats, Gesundheitskosten, gigantische Summen für Klimaschutz und Anpassung, sowie die seit 2022 drastisch gestiegenen Ausgaben für Sicherheit und Wehrbereitschaft.
Öffentliche Leistungen werden durch diesen Einsparungsdruck immer weiter gestutzt. Der Staat muss immer mehr leisten, kann das aber kaum noch finanzieren.
Phase 4: Der 2026 Tipping Point
Wir sind nun an dem angekommen, was Malcolm Gladwell als Tipping Point bezeichnen würde. Es ist der Moment, an dem eine Entwicklung eine kritische Masse erreicht und unaufhaltsam anfängt zu kippen. Wir erleben diesen Kipppunkt derzeit doppelt:
- In der "Blue Collar"-Produktion: Die nächste Optimierungsstufe ist nicht mehr die Verlagerung in Billiglohnländer. Es ist die totale Robotisierung, beschleunigt durch den Preisverfall industrieller und humanoider Roboter. Man spricht schon von Arbeitskosten von weit unter 1$/Stunde in den kommenden Jahren.
- In der "White Collar"-Economy: KI beschleunigt die Optimierung im Bereich der Knowledge Worker. Jene Verwaltungsschicht, die uns nach dem Verlust der Produktionswertschöpfung auffangen sollte, steht nun selbst im Fokus der Effizienzsteigerung. Auch hier fallen die Arbeitskosten auf Energiekosten-Niveau, Kilowatt statt Weihnachtsgeld.
Die Singularität der Wertschöpfung: Ein Call to Action
Was bedeutet das für uns? Wir steuern auf ein Szenario zu, das der Physiker Alex Wissner-Gross als "Hyperdeflation" der Arbeitskosten bezeichnete, wo er von einer ökonomischen Singularität spricht.
Das müssen wir nicht fatalistisch hinnehmen. Wir müssen dazu die ökonomische Mechanik unserer Gesellschaften neu gestalten. Das Kernproblem, das wir lösen müssen, ist die damit verbundene Entkopplung von Wertschöpfung und Verteilung.
Bisher galt das ökonomische und gesellschaftliche Dogma:
Wer arbeitet, leistet einen Beitrag zur Wertschöpfung. Aus dieser gemeinsamen Leistung entstehen Löhne für die Arbeitnehmer und Gewinne für die Unternehmen. Über das Zusammenspiel dieser beiden Kanäle und die Besteuerung von Arbeitseinkommen und Gewinne, verteilt sich der Wohlstand in der Gesellschaft.
Wenn wir aber zulassen, dass unsere Gesellschaft diesen Tipping Point unvorbereitet überschreitet, droht folgende Konsequenz:
Die Wertschöpfung wird extrem effizient (durch KI und Roboter), aber der Mensch wird aus dem Prozess herausgenommen. Die Gewinne der Unternehmen explodieren durch die gesunkenen Arbeitskosten, während die Lohnbasis wegbricht.
Wenn menschliche Arbeit nicht mehr das primäre Mittel der Wertschöpfung ist, kann sie auch nicht mehr das primäre Mittel zur Verteilung von Wohlstand sein.
Das wäre die logische, bittere Konsequenz unseres "Social Innovator's Dilemma", wenn wir nicht jetzt anfangen, uns darauf vorzubereiten. Wir dürfen radikale Veränderungen in unserer Gesellschaft nicht fürchten, sondern müssen sie aktiv gestalten.
Wir müssen eine Antwort auf die Frage finden, wie Teilhabe in einer Welt aussieht, in der der Mensch nicht mehr im Mittelpunkt der klassischen, monetären Wertschöpfung steht. Alex Wissner-Gross liefert auch einige interessante Anregungen dazu, wie z.B. "Universal Basic Income", "Universal Basic Services" und "Universal Basic Equity"
Das werden wir allerdings nicht hinkriegen, wenn wir zwanghaft an veralteten Modellen festhalten, die von diesen disruptiven Veränderungen bedroht werden.
Der Optimierungszwang hat einen Tipping Point erreicht.
Menschlichkeit, Weitsicht und A-priori-Denke müssen uns nun den Weg nach vorne zeigen.
Sonst werden wir, und ich wiederhole mich bewusst, zum Kodak der Zivilisationsgeschichte ...
Live long and prosper 😉🖖